QualitätsHandBuch

der GIB-Stiftung und des GIB e.V.

QHB LEISTUNGSPROZESSE

2.2.1.1 AL Umgang mit Betreuten

Autor/en:
B. Römer, Qualitätszirkel
gültig seit:
30.06.2005
aktualisiert am:
21.03.2016

Anleitung zum Umgang mit Betreuten

Präambel

Die Mitarbeiter der Wohn- und Arbeitsförderbereiche des GIB e. V. treten den Betreuten als selbst bestimmte und handelnde Persönlichkeiten mit Wertschätzung, Achtung und Respekt gegenüber, um deren Lebensqualität zu fördern und zu erweitern. Die Lebensräume sind so zu gestalten, dass den Bedürfnissen der Betreuten nach Ruhe und Aktivität oder Abstand und Geselligkeit Rechnung getragen wird.

Die Grenzen, die unsere Betreuten setzen, werden respektiert. Dennoch ist es bei ihnen mit ihren spezifischen Verhaltensweisen immer wieder unvermeidlich, dort Grenzen zu setzen, wo eigene oder fremde Rechte und Interessen verletzt werden.

Es wird vermieden, im Beisein des Betreuten über ihn hinweg oder andere zu sprechen. Verbaler Austausch der Betreuer über Betreute findet im Sinne andragogischer oder therapeutischer Überlegungen in einem geschützten Raum statt.

1. Nähe und Distanz

Durch die tägliche Zusammenarbeit zwischen Betreuern und Betreuten entstehen im Laufe der Zeit enge Beziehungen, die jedoch eine professionell andragogisch-therapeutische Distanz beinhalten sollten.
Die Wohngruppen sollen Heimat sein, in der die Eigenständigkeit und Persönlichkeit des Betreuten gefördert wird. Dazu gehört ein differenzierter Umgang der kommunikativen Mittel, die das tägliche zwischenmenschliche Zusammenleben und -arbeiten gestalten.

Im Kontakt zu den Betreuten stellt sich häufig ein Gefühl der Sympathie oder Antipathie ein. Ein verantwortungsvoller Umgang mit diesen Gefühlen setzt für die Mitarbeiter ständige Selbstkontrolle und Austausch im Team darüber voraus, da den Betreuten eine derartige Reflexion nur selten möglich ist. Der häufigen Distanzlosigkeit der Betreuten muss mit klarer, konsequenter Grenzsetzung begegnet werden. Im Rahmen eines Körperkontaktes muss der soziale, kulturelle, biografische Hintergrund des Betreuten beachtet werden.
Bei allen unterstützenden Handlungen stehen immer soweit wie möglich die Wünsche und Bedürfnisse der Betreuten im Mittelpunkt. Daher wird auf mögliche Anzeichen von Aversion gegenüber einzelnen Betreuern geachtet, um das Wahlrecht des Betreuten, von vertrauten Personen betreut zu werden, zu gewährleisten. Dabei wird in besonderem Maße das situative Vermögen des Betreuers berücksichtigt.

Da die Betreuten und Mitarbeiter Erwachsene sind, werden sie grundsätzlich mit "Sie" und "Frau/Herr" plus Nachname angesprochen. Im Einzelfall kann es angemessen sein, wechselseitig auf das "Du" bzw. die Nennung des Vornamens überzugehen. In jedem Einzelfall ist dies im Team zu reflektieren und mit der WL und AfbL abzusprechen, das Einverständnis des Betreuten vorausgesetzt.

Diese Entscheidung ist formal in einer "Allgemeinen Vereinbarung" unter Einbeziehung des gesetzlichen Betreuers zu dokumentieren und nach zwei Jahren zu evaluieren.
Wird auf einer der Ebenen Betreuter, Mitarbeiter, WGL, WL bzw. AfbL erkannt, dass die Entscheidung nicht tragfähig ist, besteht jederzeit die Möglichkeit, die Entscheidung rückgängig zu machen.

2. Wahrung der Intimsphäre

Im gemeinschaftlichen Zusammenleben der Betreuten und im Wirken ihrer Betreuer stellt die Wahrung der Intimsphäre einen täglichen Bestandteil im Umgang dar.

Wann immer möglich, verfügen die Betreuten über ihren eigenen Zimmerschlüssel. Vor Betreten des Zimmers ist stets anzuklopfen.

Die Achtung der Intimsphäre der Betreuten, insbesondere beim Waschen, Toilettengang, dem Wechseln des Inkontinenzmaterials und der Monatshygiene muss gewährleistet sein und darf nicht der rationelleren Arbeit wegen vernachlässigt werden, d. h. es ist auf eine ruhige und entspannte Atmosphäre zu achten.

Der unterstützende Betreuer begleitet seine Handlungen mit verbalen Erläuterungen, bereitet den Betreuten dabei auf die Situation vor und achtet auf eventuelle abwehrende Reaktionen. In jedem Fall ist die Diskretion zu wahren, auch wenn der Betreute hierzu nicht in der Lage ist, z. B. Schließen der Badtür, angemessene Bekleidung des Betreuten außerhalb seines Zimmers.

Bei neuen Mitarbeitern, Zivildienstleistenden, Praktikanten, Aushilfen usw. entscheidet in der Regel der Pate desjenigen, ob sie dazu geeignet sind, bei dem Betreuten die Intimpflege zu verrichten. Orientierungspraktikanten werden nicht mit der Intimpflege betraut.

Jedem Betreuten muss die Möglichkeit eingeräumt werden, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Dazu gehört, dass ihm Gelegenheit gegeben wird, diese ungestört in einem privaten Raum unter Beachtung seiner Intimsphäre und die der anderen auszuüben.
Hat der Betreute Schwierigkeiten bei der Erfüllung seiner sexuellen Bedürfnisse, ist eine über eine Beratung hinausgehende Hilfestellung möglich. In diesem Falle wird nach Rücksprache mit der Wohnstättenleitung eine Handlungsstrategie entwickelt und umgesetzt, wobei zu bedenken ist, dass keine unerfüllbaren Wünsche geweckt werden. Grenzen werden dort gesetzt, wo die Rechte und Interessen anderer verletzt werden. Sexuelle Handlungen zwischen Betreuten werden dann toleriert, wenn davon ausgegangen werden kann, dass die Beteiligten einverstanden sind. Die einseitige Ausnutzung der Hilflosigkeit, Schwäche oder Willenlosigkeit eines Betreuten, durch wen auch immer, ist als sexueller Übergriff zu werten und zu unterbinden. Sexuelle Handlungen mit Betreuten sind den Betreuern verboten. Entsprechende Bedürfnisse und Übergriffe von Betreuten sind im Team zu thematisieren und therapeutisch zu bearbeiten. Sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit (auch in der Öffentlichkeit der Einrichtung) verletzen gesellschaftliche Normen.

3. Konfliktbewältigung

Konflikte gehören zum Leben eines jeden Menschen und stellen tägliche Auseinandersetzungen dar. Sie können die Entwicklung hemmen, aber auch Motor sein.

Die Betreuten erfahren eine grundsätzliche Akzeptanz ihrer eigenen Person mit all ihren Facetten, so dass auch aggressive Äußerungen zugelassen und Wutausbrüche nicht unbedingt unterdrückt werden, solange keine Gegenstände zerstört werden und niemand zu Schaden kommt.
Die Betreuten sollen befähigt werden, Konflikte selbst auszutragen und mit ihren eigenen Handlungsmöglichkeiten zu bewältigen. Der Betreuer fungiert dabei im Sinne eines Mediators, der Vertrauen in die soziale Kompetenz der Betreuten vermittelt, d. h. es sollen – wenn möglich – keine Lösungen vorgegeben werden, sondern die Betreuten werden bei der Findung von Handlungsalternativen unterstützt. In dieser Rolle kann der Betreuer einen Krisenpartner darstellen, der auch im Nachhinein bei der Reflexion behilflich ist.

Durch handlungsorientierte Ansätze wird einerseits die Beziehung zwischen den Betreuten, andererseits zwischen Betreuten und Betreuer gefördert, was sich positiv auf die Konfliktlösungsmöglichkeiten auswirkt.
Es wird versucht, herausforderndes Verhalten soweit wie möglich zu ignorieren und dem Betreuten auf der anderen Seite Beachtung und Zuwendung zu schenken, wenn er sich angemessen verhält. So erfolgen der Aufbau und die Verstärkung alternativer Kompetenzen.

In Konfliktsituationen verändern sich häufig Nähe und Distanz, was sich z. B. auch in der Ansprache ausdrücken kann. In der Regel wird der Konflikt von demjenigen zu Ende geführt, der unmittelbar betroffen ist. Das vorhandene Machtgefälle zwischen Betreuer und Betreutem darf in derartigen Situationen nie außer Acht gelassen werden, so dass zu verhindern ist, dass sich der Betreute letztlich als Verlierer fühlt.

Ist ein Konflikt mit dem üblichen Instrumentarium der andragogisch/thera-peutischen Betreuung nicht zu bewältigen, wird er zur akuten Krise (siehe hierzu 2.2.1.7 Anleitung zum Krisenmanagement).

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