QualitätsHandBuch

der GIB-Stiftung und des GIB e.V.

QHB LEISTUNGSPROZESSE

2.2.1.4 AL Biografiearbeit

Autor/en:
J. Schwandt, C. Wolf
gültig seit:
10.05.2012

Anleitung zur Planung und Durchführung der Biografiearbeit

Präambel

Selbstbestimmung und Förderung persönlicher Fähigkeiten der beim GIB e. V. lebenden Menschen sind zentrale Inhalte unserer Arbeit.
Menschen mit Intelligenzminderung und psychischen Erkrankungen benötigen hierbei im besonderen Maße die Unterstützung und Begleitung durch ihre Betreuer. Zielgerichtet und erfolgreich umgesetzt werden kann diese Arbeit nur mit dem möglichst umfassenden Erkennen der individuellen Persönlichkeit. Dies bedeutet für die Betreuungsarbeit, nach dem ersten Kennen lernen des Betreuten schrittweise alle Aspekte seines Lebens, d. h. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit einzubeziehen.

Die biografische Arbeit unterliegt den datenschutzrechtlichen Vorgaben. Der Betreuer muss im Vorfeld der Biografiearbeit ein Gespräch mit dem gesetzlichen Betreuer führen. Auf dem Lebenslaufbogen (FB 01) ist über dieses Gespräch ein kurzer Vermerk zu machen mit dem Hinweis, dass der gesetzliche Betreuer dem Vorhaben zustimmt.

In den Punkten 1 und 2 werden allgemeine Hinweise gegeben. Die Punkte 3 bis 6 sind verbindliche Vorgaben und helfen, die Biografiearbeit zu strukturieren.

1. Begriffsdefinitionen

Biografie:
Die Biografie eines Menschen wird beeinflusst durch seine persönlich gewonnenen Lebenserfahrungen und durch seine aktuelle Lebenssituation. Diese Lebensereignisse haben stets eine subjektive Färbung und unterliegen hinsichtlich ihrer Deutung auch einem Wandel. Das individuell Erinnerte ist immer subjektiv. Folglich gibt es in diesem Sinne nicht nur eine Wahrheit über die Biografie des Einzelnen.

Biografieträger:
Der einzelne Betreute ist der Biografieträger, er hat das Recht, Herr über seine Biografie zu sein. Dies heißt, dass die letztendliche Deutungshoheit der Biografie ausschließlich beim Betreuten liegt. Die Menschen in seinem sozialen Umfeld, welche im Rahmen der Biografiearbeit Interpretationen vornehmen, müssen sich dieser Feststellung stets bewusst sein. Verhalten, Aussagen und Reaktionen des Biografieträgers können einen Zugang zu biografischen Aspekten ermöglichen.

Lebenslauf:
Der Lebenslauf besteht aus harten und weichen Fakten. Harte Fakten sind immer mit einem konkreten Datum hinterlegt (z. B. Geburtstag, Einschulung oder Klinikaufenthalte).
Weiche Fakten beschreiben einerseits Phasenverläufe, mit nicht eindeutig festlegbarem Anfang/Ende. Das heißt, dass in einem bestimmten Zeitraum einzelne Themen von zentraler Bedeutung sind (z. B. Hobbys, Interessen etc.). Andererseits sind hierunter auch beschriebene und/oder beobachtete Verhaltensweisen zu verstehen.

Informationsträger:
Dieser Begriff umfasst neben dem Biografieträger alle weiteren Personen, die Aussagen zum Lebenslauf des Betreuten machen können. Es ist zu beachten, dass auch diese Aussagen subjektiv sind und von den Erinnerungen des Biografieträgers abweichen können.

2. Grundhaltung

Biografiearbeit – die bewusste Auseinandersetzung mit dem persönlichen Lebensverlauf – hat in der Behindertenarbeit besonders im Zuge der „Enthospitalisierung“ verstärkt an Bedeutung gewonnen. Der bis dahin vorherrschende Ansatz einer vorrangig eher verwahrenden Unterbringung wich der zunehmenden gesellschaftlichen Integration der betreuten Menschen unter Beachtung der Individualität, Selbstbestimmung und Entwicklungsförderung. Noch immer finden sich in der täglichen Arbeit Berührungspunkte, die auf diese vergangenen Zeiten verweisen. Bei älteren Betreuten gibt es aus diesem Lebensabschnitt oft lediglich deren Krankengeschichte, in denen Jahrzehnte ihres Lebens auf nur wenigen Seiten beschrieben sind. Vielen Menschen mit Intelligenzminderung wurde dadurch ihre Lebensgeschichte genommen.

Zur Vertiefung des Themas wird auf den Band 5 der „Integrationsgespräche“ des  GIB e. V. „Individuelle Biografieforschung als Entwicklungschance für Menschen mit Intelligenzminderung“ verwiesen, der einen facettenreichen Einblick in das biografieorientierte Arbeiten bietet.

Biografiearbeit in unserem Sinne ist ein begleitender und kontinuierlicher Prozess. Die Auseinandersetzung mit der persönlichen Vergangenheit kann zur Stärkung des Identitätsgefühls des Betreuten beitragen und helfen, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Aus diesem Grund ist Biografiearbeit nicht nur das reine Sammeln von Lebenslaufdaten. Diese stellen lediglich den Ausgangspunkt der weiteren Arbeit dar. Einerseits helfen diese Daten, einen Betreuten in seinem Sein besser zu verstehen. Andererseits unterstützen sie ihn und uns dabei, sich seiner Identität bewusst zu werden und die weitere individuelle Lebensplanung zu begleiten.

Entsprechend unserem Bezugsbetreuersystem (siehe Dokument 2.2.1.3) ist für die Biografiearbeit der Bezugsbetreuer verantwortlich.

Für den gemeinsamen Prozess der Biografiearbeit ist eine einfühlende, Vertrauen stiftende Grundhaltung der Betreuer notwendige Voraussetzung. Diese müssen für den Betreuten als offene und kompetente Gesprächspartner erkennbar sein. Gemeinsam mit dem Betreuten werden Erfahrungen und Etappen seiner ihn individuell prägenden Vergangenheit erkundet. So wird der Lebensweg des Betreuten sichtbar und kann methodisch strukturiert weiter begleitet werden (Woher kommt man und wohin geht man?). In diesem gemeinsamen Prozess muss die Bandbreite der individuellen kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten der von uns betreuten Menschen mit Intelligenzminderung Beachtung finden.

Da diese Biografiearbeit eine sehr komplexe Aufgabe darstellt, ist es durchaus möglich, dass der Bezugsbetreuer nicht alle Bereiche abdecken kann. Hier sind zwei Ebenen zu unterscheiden. Auf der einen Ebene kann der Betreute den Wunsch haben, mit einem von ihm ausgewählten Betreuer bestimmte Themen zu besprechen, Erfahrungen bzw. Erlebnisse zu teilen. Auf der anderen Ebene kann es Themen geben, denen sich der Bezugsbetreuer nicht gewachsen fühlt. Dann muss dieser gemeinsam mit dem Betreuten einen dafür geeigneten Betreuer finden.
Das Erkennen von biografisch relevanten Momenten trägt dazu bei, Verhaltensweisen des Betreuten zu reflektieren und besser zu verstehen. Das Entdecken von bisher nicht bekannten Fertigkeiten ermöglicht darüber hinaus eine weitere Entwicklung. Dadurch wird das Fundament geschaffen, dem Betreuten Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Daraus werden im Betreuungsprozess, möglichst gemeinsam, gezielte Förderangebote entwickelt (siehe Dokument 2.2.1.5 Anleitung zur Planung und Durchführung von spezifischen individuellen Förderungen).

Die biografieorientierte Arbeit bedingt einen regelmäßigen intensiven Kontakt mit dem Betreuten. Der Betreuer muss sich bewusst sein, dass sich dadurch eine besondere Beziehung entwickeln kann. Mit den hierbei wahrgenommenen persönlichen Gefühlen (sowohl beim Betreuten als auch beim Betreuer) gilt es, sich kontinuierlich reflektiert auseinanderzusetzen.

3. Der Lebenslauf als Ausgangspunkt des biografieorientierten Arbeitens

Um den Lebenslauf strukturiert erfassen zu können, gibt es das Formblatt „Lebenslaufbogen“ (siehe 4.). Dieser Lebenslaufbogen beinhaltet, neben der intensiven Recherchearbeit, das strukturierte Dokumentieren der Lebensereignisse aus der Vergangenheit und Gegenwart des Betreuten.
In dieser Dokumentation sollen sich die Lebensereignisse des Betreuten widerspiegeln. Einerseits werden dadurch die Lebensstationen des Betreuten erkennbar. Zum anderen lassen sich aus ihnen wesentliche Handlungsansätze für das weitere methodische biografieorientierte Arbeiten ableiten.

Zur Vorbereitung empfiehlt es sich, eine Übersicht über alle in Frage kommenden Informationsträger zusammenzustellen. Diese Übersicht wird im Verlauf der Arbeit immer dann ergänzt, wenn man auf Personen trifft, die im Leben des Betreuten eine Rolle spielten. Neben Menschen aus dem Familienkreis sind z. B. auch ehemalige Betreuer, Mitarbeiter in vorherigen Einrichtungen, Betreuer in Werkstätten, Ärzte, Lehrer, ehemalige oder langjährige Mitbewohner wesentliche Informationsträger.

Die Aufarbeitung, Vervollständigung und Fortschreibung des Lebenslaufbogens dienen als Ausgangspunkte und Einstieg in das biografieorientierte Arbeiten. Eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen ist für diesen ersten Schritt zu nutzen.

Als Grundlage dieser betreutenbezogenen Recherche dient die schriftliche Einverständniserklärung des gesetzlichen Betreuers (gB).
Um Akteneinsicht in verschiedenen Institutionen vornehmen zu können, ist eine entsprechende schriftliche Schweigepflichtsentbindung des gesetzlichen Betreuers erforderlich. Zu diesen Quellen gehören z. B. Arztbriefe aus Kliniken und Berichte aus Kindergärten und Schulen, Zeugnisse und Gutachten. Häufig finden sich schon Unterlagen in den Verwaltungsordnern der Betreuten in den Sekretariaten der WL.

Bei der Erfassung des Lebenslaufes sollen bestimmte Lebensereignisse des Betreuten, wenn möglich, mit historischen und kulturellen Ereignissen in Zusammenhang gebracht werden, da diese möglicherweise die Charakterbildung und Entwicklung des Betreuten beeinflussten. Dies kann helfen, bestimmte Verhaltensmuster und     -strategien des Betreuten zu verstehen. Innerhalb dieses Erkundungsprozesses lernt der Betreuer den Betreuten auf eine individuellere Weise kennen und entdeckt an ihm auch neue Facetten, Potentiale und Stärken, welche für seine Entwicklung und Förderung genutzt werden können.

Es liegt in der Verantwortung des Betreuers, diesen Erkundungsprozess respektvoll zu gestalten und dabei die Leitsätze des GIB e. V. einzubeziehen und umzusetzen.

4. Der Lebenslaufbogen - die Dokumentation der Lebenslaufdaten im Formblatt

Der tabellarische Lebenslaufbogen, der aus den Interviews und Recherchen des Betreuers (in der Regel des Bezugsbetreuers) entsteht, wird sowohl zur Dokumentation der Vergangenheit als auch der Gegenwart des Betreuten genutzt.
Die Aktualisierung und Pflege dieses Formblattes erfolgt kontinuierlich durch den Bezugsbetreuer mindestens einmal im Monat. Neben der Dokumentation der harten und weichen Fakten (siehe Seite 2; Punkt 2) des Lebenslaufes dient dieses Formblatt zugleich als Grundlage und Ausgangspunkt für das weitere biografieorientierte Arbeiten. Somit endet die Bearbeitung des Lebenslaufsbogens mit dem Auszug oder Versterben des Betreuten.

Der Bogen hat fünf Spalten, diese sind entsprechend den Vorgaben des Formblattes FB 01 auszufüllen.

Hierbei ist insbesondere in der dritten Spalte zu beachten, dass eine konkrete Angabe zu der Quelle gemacht wird, woher die Information kommt, damit man im Bedarfsfall tiefer in die Recherche einsteigen kann.

In der vierten Spalte spielen zwei verschiedene Aspekte bei der Dokumentation eine wesentliche Rolle.
Zum einen sollen geschichtliche und kulturelle Ereignisse und Einflüsse vermerkt werden, die für den jeweiligen Zeitraum bedeutend oder mitbestimmend waren und somit möglicherweise den Betreuten beeinflusst haben. Beispiele hierfür sind die politische Wende 1989, Fußball-Weltmeisterschaften, Abschaffung des § 218 BGB, Währungsunionen etc. Bei Betreuten mit Migrationshintergrund ist besondere Aufmerksamkeit auf die historischen und kulturellen Besonderheiten des Herkunftslandes zu richten.
Zum anderen werden hier auch die Dinge des täglichen Lebens dokumentiert, die in den einzelnen Entwicklungsphasen des Betreuten möglicherweise Einfluss auf ihn ausübten bzw. ausüben. Beispiele hierfür sind bestimmte Lebensmittel, Kleidungsstile und -stücke, Spielzeuge, Sammelobjekte, Fernsehsendungen, Musik aus den unterschiedlichen Jahrzehnten. Um sich einem für den Betreuten vermutlich lebensgeschichtlich bedeutsamen Erlebnis anzunähern, ist es hilfreich, wenn der Betreuer eigene Erlebnisse erinnert: Was hat man selbst wahrgenommen in der Kindheit? Welche Erinnerungen der Jugend und des Erwachsenseins haben sich eingeprägt und warum?

Bezogen auf das Leben des Betreuten ist ein breiter Interpretationsspielraum gegeben, ob und wie Beeinflussungen stattgefunden haben könnten. Hierbei muss sich der Betreuer bewusst sein, dass es sich stets um seine Hypothesen handelt. Gemeinsam gilt es dann, sich der „Wahrheit“ des Betreuten methodisch und strukturiert anzunähern.

5. Die Methoden des biografieorientierten Arbeitens

In der täglichen Arbeit erfolgt nun die wesentliche Umsetzung biografieorientierten Arbeitens in der Gegenwart. Durch gezielte Impulse soll das persönliche Erinnern des Betreuten methodisch angeregt werden. Die strukturierte Auseinandersetzung (Analyse und Interpretation) mit den dabei gezeigten Reaktionen des Betreuten dient als weiterführende, prozessorientierte Arbeitsgrundlage.

Die Methoden biografieorientierten Arbeitens sind:

  1. das Interview mit den Informationsträgern, 
    das Anregen biografischen Erinnerns in Form von
  2. geplantem Aufsuchen eines biografisch relevanten Ortes oder
  3. der Gestaltung eines gezielten Angebotes
    und
  4. die zufällige Beobachtung in einer Alltagssituation.

Die Dokumentation dieses methodischen biografieorientierten Arbeitens erfolgt im FB 02, welches im Punkt 6 erläutert wird.

Diese unterschiedlichen Ansätze ermöglichen schrittweise den Zugang zur Individualität des Betreuten. Das gemeinsame Zurückblicken sowohl auf die positiven, glücklichen Erlebnisse, als auch auf die problematischen, schmerzlichen Erfahrungen bietet dem Betreuten die Gelegenheit sich emotional zu öffnen. Menschen mit Intelligenzminderung und zusätzlichen psychischen Erkrankungen benötigen in diesen Situationen in besonderem Maße eine umfassende Begleitung und Hilfestellung. Der Betreuer muss sich bewusst sein, dass das Durchführen einer biografieorientierten Aktivität durchaus emotional sehr bewegende Momente herbeiführen kann.
Wenn der Betreute unangepasste und aggressive Verhaltensweisen zeigt, ist zu bedenken, dass diese ihm persönlich durchaus als Schutzmechanismus dienen können.
Weiterhin ist es wichtig aufzuspüren, wo Stärken und Schwächen des Betreuten liegen. Es muss erkundet werden, welche Dinge der Betreute in besonderer Weise mag und welche er meidet.
Es gilt darüber hinaus zu beachten, dass biografieorientiertes Arbeiten neben der Aneignung neuen Wissens auch eine Selbsterfahrung für den Betreuer darstellt. Um diese Arbeit verantwortlich auszuüben, ist der fachliche Austausch mit den Kollegen wichtig.

6. Das Beobachtungsprotokoll

Die Verwendung des Formblattes FB 02 „Beobachtungsprotokoll für Angebote der biografieorientierten Arbeit“ wird im Folgenden erklärt.
Die unter Punkt 5 dargestellten verschiedenen Methoden werden alle auf demselben Formblatt dokumentiert. Die angewandte Methode wird an vorgesehener Stelle angekreuzt.
Bewusst sind die drei Punkte 'Beschreibung der Aktivität', 'Beobachtetes Verhalten' und 'Interpretationen des Beobachteten durch den Betreuer' sehr allgemein gehalten.
Die Punkte 'Beobachtetes Verhalten' und 'Interpretationen des Beobachteten durch den Betreuer' gelten für alle vier Methoden gleichermaßen.
Bei 'Beobachtetes Verhalten' wird möglichst wertfrei beschrieben, wie der Betroffene, z. B. der Interviewpartner oder der Betreute, sich in der Situation verhält. Hierbei können z. B. Gestik, Mimik und weitere wahrgenommene Begebenheiten von Bedeutung sein.
Bei 'Interpretationen des Beobachteten durch den Betreuer' beschreibt dieser, wie er das Wahrgenommene für sich subjektiv interpretiert.

Lediglich der erste Punkt, 'Beschreibung der Aktivität', ist methodenabhängig. Hier wird kurz und eindeutig beschrieben, in welcher Art und Weise die verwendete Methode vorbereitet und umgesetzt wurde. Spezifische Hinweise zu der jeweiligen Methode finden Sie im Folgenden.

  1. Das Interview bietet neben der Aktenrecherche (siehe 3.) eine Möglichkeit, Informationen und einen Zugang zu Ereignissen in bestimmten Lebensphasen zu erhalten. Mit diesem können Umstände für Schulwechsel, Umzüge, Klinikaufenthalte etc. in Erfahrung gebracht werden, die aus den Berichten und Aktennotizen nicht eindeutig zu entnehmen sind.
    Im Interview stellt der Betreuer Fragen zu den unterschiedlichen Lebensphasen des Betreuten, wie Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter. Dazu gehören Aspekte des Umfelds, des Elternhauses und der Erziehung.
    Bei allen Interviewpartnern ist darauf zu achten, dass sich die Kommunikationsform an deren individuellen kognitiven Fähigkeiten orientiert.
    Bei dieser Methode ist neben den oben beschriebenen Aspekten auch kurz und eindeutig darzustellen, mit wem und wo das Interview geführt wurde.

Eine zweite Methode ist das Anregen biografischen Erinnerns. Biografisches Erinnern lässt sich auf zwei Wegen aktivieren:

  1. Zum einen kann der Betreuer im Verlauf von Recherchearbeiten auf biografisch relevante Orte stoßen (z. B. Schule, Arbeitsstelle, Wohn- und/oder Urlaubsorte, Museen oder eine Disco). Wenn ein solcher Ort gefunden wird, soll mit dem Betreuten gemeinsam herausgefunden werden, ob er Interesse hat, diesen Ort aufzusuchen. Bei Betreuten mit sehr eingeschränktem Sprachvermögen entscheidet der Mitarbeiter, ob es sinnvoll ist, ein solches Angebot zu gestalten. Hierfür ist es im Vorfeld notwendig, dass er sich mit Dritten austauscht, um das Für und Wider abzuwägen.
  2. Zum anderen lässt sich biografisches Erinnern auch unter Zuhilfenahme von bestimmtem Objekten und Materialien auslösen, zu denen der Betreute aus seiner Geschichte heraus eine Beziehung hat, wie z. B. alte Fotos, Musikbeispiele, Kleidung, Gerichte, Spielzeuge und Gerüche. Der Betreuer gestaltet also ein gezieltes Angebot.
  3. Eine weitere Methode ist die zufällige Beobachtung in einer Alltagssituation. Im Betreuungsalltag ergeben sich gelegentlich bestimmte Situationen, in denen ein Betreuter plötzlich eine Reaktion zeigt oder unerwartet reagiert, weil eine Situation bei ihm biografisches Erinnern auslöst. Derartige Verhaltensweisen können durch die verschiedensten Begebenheiten im Alltag entstehen (z. B. Interaktionen unter Betreuten oder einem Betreuer und Reaktionen auf Radiolieder, Fernsehsendungen, vertraute Geräusche, Gerüche und Bilder etc.). Die genauere Betrachtung und Analyse des beobachteten Verhaltens bietet eine Möglichkeit, mit dem Betreuten, darauf aufbauend, biografieorientiert zu arbeiten.

Alle beschriebenen Methoden biografieorientierten Arbeitens sind auch miteinander kombinierbar und können das konkrete Arbeiten vertiefen: Sucht ein Betreuer beispielsweise gemeinsam mit dem Betreuten einen biografisch relevanten Ort auf, so kann er im Vorfeld, oder auch im Anschluss ein Interview mit ihm, oder einem weiteren Informationsträger führen, um persönliche Erinnerungen und Erlebnisse, Gedanken, Gefühle von diesem Ort im Vergleich festzuhalten. Werden unterschiedliche Methoden in dieser Form miteinander kombiniert, können sie im selben Beobachtungsprotokoll festgehalten werden.

Die Reaktionen und Situationen während der Angebote können auch in Form von Videoaufnahmen und Fotos festgehalten werden. Gibt es solche zusätzlichen Informationen, ist im Beobachtungsprotokoll festzuhalten, wo diese aufbewahrt werden.

Downloads Anlagen (PDF- und/oder Word-Datei (.docx)
2.2.1.4 FB01 Lebenslaufbogen
2.2.1.4 FB02 Beobachtungsprotokoll

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