QualitätsHandBuch

der GIB-Stiftung und des GIB e.V.

QHB LEISTUNGSPROZESSE

2.2.2.5 AL Sterbebegleitung

Autor/en:
A. Kramp, K. Schönherr, E. Boehlke
gültig seit:
26.06.2013
aktualisiert am:
17.04.2014

Anleitung zur Sterbebegleitung

Für alles gibt es eine Stunde
Und Zeit gibt es für alles Geschehen unter dem Himmel
Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen
Eine Zeit des Klagens und eine Zeit des Tanzens
Eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit sich vom Umarmen zu lösen
Eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen
Eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden
Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben

Präambel

Betreute beim GIB e. V. haben das grundsätzliche Recht, bei uns bis zu ihrem Lebensende zu leben, wofür wir, wenn möglich, die nötigen Ressourcen bereitstellen. Insofern ist auch die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen sowie deren Angehörigen eine wichtige Aufgabe und Bestandteil unserer Arbeit. Sterbende zu begleiten, führt uns häufig an die Grenzen der Sprache. Das fordert loszulassen, Abschied zu nehmen und Trauer zuzulassen.
Da wir uns der Schwierigkeit klärender Gespräche während der unmittelbaren Sterbephase bewusst sind, besprechen wir schon beizeiten mit allen Betreuten, deren Angehörigen und gesetzlichen Betreuern, welche Wünsche sie bezüglich der Gestaltung ihrer letzten Lebensphase, Bestattungsfeier und der Bestattungsform haben (siehe Anlage 4 Bestattungsberechtigung/-verfügung im Wohn- und Betreuungsvertrag).
Ziel dieser Anleitung ist es, einen verbindlichen Rahmen für ein menschenwürdiges Sterben zu geben.
Der Umgang mit dem Tod, als Teil unseres Lebens, ist durch die Unausweichlichkeit für viele Menschen sehr bedrohlich und wird zumeist als erschütternde Krise erlebt. Selbst diejenigen, die sich schon länger mit dem Nahestehenden auseinandergesetzt haben, erleben in dem Moment des Todes einen abrupten, oft unerwarteten Trennungsschmerz. Gerade in dieser Situation bedürfen sie der Unterstützung und der Begleitung, um ihnen Raum und Zeit für ihre Gefühle und ihr Abschiednehmen zu geben. Die Spannung zwischen dem Realisieren des nahenden Todes und dem ‚Nicht wahr haben wollen’ ist oft nicht auflösbar, daher soll dies unter Beachtung dessen, was der sterbende Mensch möchte, offen angesprochen werden. Im Idealfall kann ein gemeinsamer konstruktiver Weg des Annehmens gefunden werden.
Jeder unserer Mitarbeiter ist sich seiner Rolle im Beziehungsgefüge zum sterbenden Menschen bewusst und fähig, situationsangemessen und unter Berücksichtigung der eigenen Möglichkeiten und Grenzen einen ehrlichen und offenen Kontakt zum sterbenden Menschen und seinem sozialen Umfeld herzustellen und zu pflegen.

1. Ziele der Sterbebegleitung

Um den vorgenannten Zielen gerecht zu werden, bedarf es der guten Zusammenarbeit vieler Menschen. Alle Mitarbeiter, Ärzte, Wohnstättenleitung, gesetzlich bestellte Betreuer und ggf. auch Palliativmediziner, Mitarbeiter eines Hospizdienstes bilden nach den individuellen Wünschen des Betreuten und dessen Angehörigen, ein Team zum Wohle des Sterbenden.
Professionelle Pflege allein ist nicht ausreichend, Schwerstkranke und Sterbende optimal zu begleiten. Hierzu bedarf es wesentlich mehr. Gerade im Prozess des Sterbens wird Abhängigkeit und Hilflosigkeit von Mitarbeitern und Angehörigen besonders intensiv erfahren.
Mit dieser Anleitung möchten wir die Probleme in der Zeit vor und nach dem Tod für alle Beteiligten verbessern und über den Tod hinaus Hoffnung geben. Dadurch sollen der Sterbende, die Angehörigen und Mitarbeiter gleichermaßen Trost erfahren.

2. Ein Bewohner stirbt

Die Individualität jedes einzelnen Menschen, der bei uns lebt, wird gerade im Sterbeprozess besonders deutlich. Jeder stirbt seinen „eigenen“ Tod, deshalb muss auch im Sterben jeder seinen eigenen Weg gehen dürfen. Spannung zuzulassen und dem Sterbenden in dieser Situation einfühlsam zu begegnen ist ein Merkmal der begleitenden Arbeit.
Der Betreute wird schonend und einfühlsam auf das Thema „Sterben“ angesprochen. Auch den Betreuten, die mit dem Sterbenden zusammengelebt haben, und den Angehörigen wird signalisiert, dass die Einrichtung auf Sterbesituationen vorbereitet ist und niemand in ein Krankenhaus abgeschoben wird. Sollte das Bedürfnis entstehen, dass Betreute, Mitarbeiter und Angehörige dem Sterbenden noch etwas Gutes tun wollen (z. B. ein letztes Geschenk, ein Bild oder Brief anfertigen oder noch etwas auszusprechen, was offen geblieben ist), erhalten diese die Möglichkeit dazu.
Wir streben ein Sterben in Wärme und Geborgenheit an, möglichst ohne körperliche und seelische Schmerzen.
Hierbei soll die allgemeinmedizinische sowie die palliativmedizinische Versorgung abgesprochen werden. Alle Pflegemaßnahmen werden sinnvoll abgewogen, im Mittelpunkt steht die Lebensqualität des Betreuten. Der betreffende Pfarrer wird je nach Wunsch des Betreuten unmittelbar informiert, um in der Sterbebegleitung präsent zu sein. Auch die Angehörigen werden auf Wunsch mit einbezogen. Gesprächsangebote für die Angehörigen sind für uns selbstverständlich.
Ebenso werden Getränke und evtl. auch Essen durch unsere Einrichtung angeboten.
Der Sterbende bleibt auch unmittelbar vor dem zu erwartenden Tod in seiner gewohnten Umgebung, d. h. in seinem Zimmer. Die Mitarbeiter gestalten eine angenehme Atmosphäre, z. B. durch beruhigende Zusprache, Entzünden einer Kerze, mit Aromen, Musik und Beleuchtung. Gibt es Gegenstände, die dem Sterbenden besonders wichtig sind, werden diese so aufgestellt, dass er diese wahrnehmen kann. Der Sterbende bleibt während des Sterbeprozesses nicht allein, ein Mitarbeiter begleitet ihn würdevoll. Der Hausarzt und die Angehörigen werden umgehend von der Situation in Kenntnis gesetzt.

Wichtig ist: Da sein, Aushalten, Trösten.

Hierbei geht es um die emotionale Befindlichkeit des Sterbenden und seiner Angehörigen.
Insbesondere erfahren Sterbende eine lindernde Pflege, z. B. durch eine bequeme Lagerung, Mundpflege, beruhigende Körperpflege mit einer wohltuenden Lotion, sowie direkte Zuwendung durch z. B. in den Arm nehmen, streicheln, die Hand halten. Dazu gehört auch das Erspüren der Grundbedürfnisse, insbesondere, wenn der Betreute nicht bzw. nicht mehr in der Lage ist, sich verbal zu äußern.
Humanität im Umgang mit Schwerkranken und Sterbenden bedeutet, dem Menschen den größtmöglichen Beistand, die notwendige Pflege und insbesondere ausreichende Schmerzkontrolle und -therapie zu geben.

3. Ein Betreuter ist verstorben

Besonders achtsam und würdevoll ist der Umgang mit dem Toten.
Wird vermutet, dass der Betreute verstorben ist, überprüft ein erfahrener Mitarbeiter die sicheren Todeszeichen, wie fehlende Atmung und fehlender Herzschlag.
Der Hausarzt oder ein Bereitschaftsarzt wird informiert, um offiziell den Tod zu bestätigen.
Der Verstorbene wird in würdiger Form in seinem Zimmer nach seinen individuellen Wünschen aufgebahrt. Angehörigen, Mitbewohnern und Mitarbeitern soll der nötige Raum gegeben werden, sich auf individuelle Weise von dem Verstorbenen zu verabschieden.
Es wird der Abschluss der Bewohner-Dokumentation vorgenommen und die Wertgegenstände des Betreuten im Zimmer mittels eines Protokolls sichergestellt. Die Übergabe der Wertsachen an die Angehörigen durch die Wohnstättenleitung wird evtl. anschließend geklärt.
Wir sorgen dafür, dass der Verstorbene würdevoll die Einrichtung verlässt. Der Verstorbene erfährt gleichermaßen den Respekt, den er auch als Lebender erfahren hat.
Die Betreuten werden darüber informiert, dass ein Mitbewohner gestorben ist. Ein Foto, eine Kerze und Blumen werden am Todestag im Gemeinschaftsraum aufgestellt.
Die formalen Punkte sind im Dokument 2.2.2.6 Anleitung zur Versorgung Verstorbener zusammengefasst.

4. Die Begleiter im Sterbeprozess - unsere Mitarbeiter

Das Leben und Sterben von Betreuten, die sehr lange und intensiv gepflegt und begleitet wurden, stellt für die Mitarbeiter, je nach persönlicher Erfahrung, eine Krisensituation dar.
Dieses Erleben von Tod und Sterben hat für jeden Mitarbeiter Einfluss auf die nachfolgenden Tätigkeiten. Dem Mitarbeiter wird deshalb die Gelegenheit gegeben, sich entsprechend seinen Bedürfnissen zurückzuziehen. Aktiv werden ihm von seinem Vorgesetzten unterstützend entlastende Gespräche angeboten, wobei die Wünsche des Mitarbeiters sensibel berücksichtigt werden.
Es finden für alle Mitarbeiter regelmäßige Fortbildungen zu den Inhalten dieser Anleitung zur Sterbebegleitung statt. Mit weiteren Fortbildungen regen wir die Mitarbeiter an, sich persönlich mit Krankheit, Sterben und Tod auseinandersetzen und sich mit dem Thema Schmerz, Leid, Schuld, Vergebung und Hoffnung zu beschäftigen.
Die Mitarbeiter erhalten auf Wunsch und nach Bedarf die Möglichkeit, Supervisionsangebote in der Gruppe oder einzeln wahrzunehmen.

5. Angehörigen individuelle Hilfen geben

Der Verlust eines nahen Menschen löst viele verschiedene, oft einander sich widersprechende und sehr starke Gefühle aus. Häufig werden Angehörige von einem zum anderen hin und her geworfen. Die Gefühle sind so vielfältig, wie wir Menschen sein können.
Die plötzlich eintretende Position des Angehörigen kann Ruhelosigkeit, Hilflosigkeit, Leere, Angst, Schuld. Schock, Dankbarkeit, Wut, Freude, Verzweiflung, Einsamkeit und viele andere Gefühle entstehen lassen.
Unsere Mitarbeiter sind für die Trauernden kompetente Ansprechpartner und respektieren sie, da jeder seine eigene Art hat, Trauer zu erleben. Mitarbeiter, die sich hierzu nicht in der Lage sehen, besprechen dies mit den diensthabenden Kollegen, so dass ein Ansprechpartner festgelegt wird.
Angehörige werden mit ihrer Vielzahl von möglichen Fragen ernst genommen, und es wird durch ruhiges und klares Reden und Handeln Sicherheit vermittelt.

6. Die Aufgaben der Wohnstättenleitung

Die Aufgaben der Wohnstättenleitung liegen im Bereich der Schaffung der strukturellen Voraussetzungen, um diese Anleitung mit Leben zu erfüllen. Sie sorgt für die Umsetzung dieser Anleitung in der Wohnstätte und schafft die Möglichkeit der Fortbildung zu diesem Thema.
Die Wohnstättenleitung informiert die anderen Vertragspartner, wie Bestattungsunternehmen, Pflegekassen, Apotheke, Fußpflege, Frisör und Physiotherapie über den Sterbefall.

7. Ärzte im Prozess der Sterbebegleitung

Unser Ziel ist es, dass alle Ärzte die Wünsche der Betreuten in der Sterbephase respektieren.
Des Weiteren wollen wir darauf hinarbeiten, dass für jeden Betreuten ausreichende Schmerzlinderung durchgeführt wird. Eine Krankenhauseinweisung soll nur bei akuten Notsituationen veranlasst werden. Sauerstoffgabe, subkutane Flüssigkeitszufuhr sowie Maßnahmen zur Schleimreduzierung werden auf ärztliche Anordnung im Haus durchgeführt.

8. Abschied nehmen

Von Anbeginn gibt es beim GIB e. V. die Tradition einer Abschiedsfeier, die regelmäßig mit den Betreuten, Mitarbeitern und auf Wunsch den Angehörigen stattfindet. Im Sinne einer Gedenkkultur hat sich dabei im Laufe der Jahre ein gewisser ritualisierter Ablauf entwickelt. Neben individuell gestalteten Abschiedsfeiern in den Gruppen findet eine Abschiedsfeier entweder in der Wohnstätte selbst oder in Berlin meist in der Dietrich-Bonhoeffer-Kapelle auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Klinik statt.

Exemplarisch ist der übliche Ablauf im Folgenden dargestellt.

Eintreffen
Orgelmusik
Begrüßung durch Herrn Pfarrer Schade
Chor GIB e. V.: „Leb wohl, leb wohl mein Morgen tagt….“
Trauerrede: ein Betreuter / Herr Boehlke
Chor: „O Welt ich muss dich lassen…..“
Predigt:   Pfarrer Schade
Chor:     „Licht nach dem Dunkel …."
Kerzenritual: Alle bei der Feier Anwesenden entzünden eine Kerze (Teelicht) und stellen sie auf den Altar
Gebet:      Pfarrer Schade   /   Gemeinde
Segen
Gemensames Singen:  „Nehmt Abschied Brüder ……“
Auszug der Urne
Gemeinsames Kaffeetrinken

Beachtenswertes

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