QualitätsHandBuch

der GIB-Stiftung und des GIB e.V.

QHB LEISTUNGSPROZESSE

2.2.3.8 VA Epileptische Anfälle

Autor/en:
E. Boehlke
gültig seit:
11.04.2011
aktualisiert am:
27.09.2018

Verfahrensanweisung zum Vorgehen bei epileptischen Anfällen

Präambel

Viele Betreute, die bei GIB leben, leiden an einer Epilepsie. Die meisten sind medikamentös so gut eingestellt, dass gar keine oder sehr selten Anfälle auftreten. Dennoch besteht bei Menschen mit einer Epilepsie die grundsätzliche Möglichkeit, dass es in bestimmten Situationen zu längeren oder gehäuften Anfällen kommt.
Natürlich können Betreute auch erstmalig einen epileptischen Anfall erleiden. Bei einem solchen Erstanfall gilt grundsätzlich dasselbe wie bei einer Epilepsie. Ein solcher Erstanfall ist umgehend dem behandelnden Arzt zu melden.
Das Auftreten eines prolongierten (länger anhaltenden) epileptischen tonisch-klonischen Anfalls (Grand mal) bedeutet für den Betroffenen eine schwere lebensbedrohliche Komplikation. Dauert ein solcher Anfall länger als 5 Minuten bzw. treten solche Anfälle in kurzen Abständen auf, ohne dass das Bewusstsein erlangt wird, spricht man von einem Grand mal-Status. Für den Betroffenen reduziert sich das Risiko schwerer Komplikationen, je rascher es gelingt, diesen Status zu unterbrechen (siehe 2.).
Bei kleinen kurzen Anfällen, insbesondere Absencen, kann es zu einer starken Häufung dieser Anfälle kommen. Da bei einer solchen Häufung dieser Anfälle eine gewisse Gefahr besteht, dass sie in einen Grand mal-Status übergehen, finden Sie auch hierzu Hinweise.
In den Wohnstätten des GIB sind nicht durchgängig Ärzte vor Ort, wie z. B. in einem Krankenhaus, daher wird im Folgenden nur beschrieben, was jeder Mitarbeiter im Sinne einer Ersten Hilfe leisten kann.
Für diese so genannte Laienhilfe gibt es keine verbindliche Leitlinie, daher berücksichtigt diese Verfahrensanweisung aktuelle wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, Expertenmeinungen (Herr Prof. Dr. M. Holtkamp, Herr Dr. G. Krämer und Herr Dr. T. Mayer) und die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) von 2012, zuletzt bestätigt im Februar 2015.

1. Allgemeine Hinweise zur Hilfestellung

Anhand des 'Beobachtungsbogens für epileptische Anfälle' (FB zu diesem Dokument) werden Sie sorgfältig geschult, epileptische Anfälle genau zu beobachten und zu dokumentieren.
Tritt ein Anfall auf, so sind die üblichen Maßnahmen durchzuführen:
Bewahren Sie Ruhe. Bei Verletzungsgefahr beseitigen Sie mögliche Gefahrenquellen bzw. reduzieren Sie die Gefährdung, indem Sie z. B. ein Kissen unter den Kopf des Betroffenen legen. Beobachten Sie das Anfallsgeschehen genau. Durch ruhige Ansprache testen Sie, wann der Betreute wieder zu Bewusstsein kommt. Versuchen Sie keinesfalls, den Betreuten festzuhalten, um die Zuckungen mit Gewalt zu unterbinden oder gar einen Beißkeil oder andere Gegenstände zwischen seine Zähne zu schieben.
Die maßgebliche Zeit des generalisierten tonisch-klonischen Anfalls, Grand mal, ist lediglich die, während der Sie motorische Phänomene beobachten können. Üblicherweise beginnt der Grand mal mit einer tonischen starken Anspannung, Versteifung der Extremitäten, eventuell auch des ganzen Körpers, gefolgt von klonischen, rhythmischen Zuckungen, die am Ende des Anfalls meist unregelmäßig werden. Üblicherweise dauert ein solcher Grand mal 45 – 120 Sekunden und bedarf keiner ( ! ) weiteren Behandlung, sondern nur einer sorgfältigen Beobachtung, bis der Betreute wieder ohne jede Einschränkung sein bekanntes Verhalten zeigt.
Häufig schließt sich diesem Anfall ein verstärktes Atmen (Schnaufen), ein nicht normales Reaktionsvermögen (Desorientiertheit, Nichtreagieren) und/oder eine (tiefe) Schlafphase an. Diese Phase wird nicht zum eigentlichen Anfall gerechnet!

2. Definition des Grand mal-Status und spezifische Hilfen

Dauert ein tonisch-klonischer Anfall länger als drei Minuten (bitte beachten Sie die vorbeschriebene Definition der Anfallsdauer), so ist nach Möglichkeit ein weiterer Mitarbeiter zur Unterstützung hinzuzurufen. Aus der Hausapotheke ist eine Fertig-Spritze Midazolam 10 mg (2 ml) zu holen. Wenn die tonisch-klonischen Phänomene bis 5 Minuten anhalten, spricht man von einem Grand mal-Status.
Spätestens nach 5 Minuten bereiten Sie gemäß der Anwendungsbeschreibung die Applikationsspritze vor und spritzen jeweils ca. die Hälfte der Flüssigkeit rechts und links in den hinteren Bereich zwischen Wange und Zahnfleisch. Endet der Anfall nicht innerhalb von 10 Minuten nach Gabe des Midazolams, verabreichen Sie den Inhalt einer zweiten Spritze, rufen umgehend den Rettungsdienst und schildern kurz und präzise die Situation.
Sollte die Gabe der Midazolam-Applikationsspritze aus bestimmtem Gründen nicht möglich sein, z. B. weil der Bewohner auf der Seite oder dem Bauch liegt, können Sie alternativ Tavor expidet 2,5 mg geben. Das Plättchen schieben Sie vorsichtig aber ausreichend tief seitlich in die Wangentasche. Wenn der Anfall nach Gabe des Tavors nicht innerhalb von 10 Minuten endet, wird eine zweite Tablette gegeben. Auch in diesem Fall rufen Sie umgehend den Rettungsdienst.
Sollte der Betreute nach Beendigung der motorischen Phänomene nach spätestens 30 Minuten auf laute Ansprache oder stärkere Weckreize (wie kräftigeres Klatschen auf die Wangen) nicht reagieren oder ungewohntes, nicht bekanntes Verhalten zeigen, ist ebenfalls der Rettungsdienst zu rufen.
Im Alltag ist es häufig so, dass der Beginn des Anfalls nicht unmittelbar beobachtet wird. Aus der Situation heraus ist dann einzuschätzen, wie lange der Anfall schon andauert. Bestehen nach Beginn der Beobachtung die motorischen Phänomene noch ein bis zwei Minuten fort, wird, wie oben beschrieben, die Bedarfsmedikation gegeben und der Rettungsdienst gerufen.

Bei kleinen Anfällen mit einer Bewusstseinsstörung, aber ohne Bewusstseinsverlust (Absencen oder komplex-fokale Anfälle) ist eine sofortige Intervention nicht erforderlich. Kommt es jedoch zu einer Häufung solcher Anfälle und treten innerhalb von einer Stunde mehr als 5 Absencen bzw. komplex-fokale Anfälle auf, verfahren Sie genau so, wie oben bei den generalisierten tonisch-klonischen Anfällen beschrieben.
Nach prolongierten Anfällen, die, wie oben beschrieben, eine Bedarfsmedikation erforderlich gemacht haben, ist direkt im Anschluss der bei GIB diensthabende Arzt anzurufen. Dies gilt auch, wenn im Rahmen einer akuten Notfallsituation der Rettungsdienst gerufen wird.
Eine Information über "einfache" Anfälle geht lediglich über den Beobachtungsbogen für epileptische Anfälle an den Arzt.

Hinweis: Midazolam hat zur Anfallsunterbrechung nur eine Zulassung für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr, so dass der Einsatz dieses Medikaments bei den von uns betreuten Menschen streng genommen ein 'off label use' bedeutet. Wir benutzen dennoch den Wirkstoff Midazolam, da es entsprechend Literaturhinweisen und ausgewiesener Expertenmeinungen derzeit das am raschesten wirksame Medikament ist, so dass sein Einsatz nicht nur gerechtfertigt, sondern ausdrücklich indiziert ist.

3. Dokumentation

Wenn der Anfall beendet ist und Sie die erforderlichen Hilfen geleistet haben, füllen Sie unmittelbar danach den 'Beobachtungsbogen für epileptische Anfälle' (siehe 2.2.4.2 Bewohner-Dokumentationssystem – Formblätter) sorgfältig aus, da so der Anfallsablauf am genauesten dokumentiert werden kann.
Wenn ein Grand mal stattgefunden hat, ist beim Ausfüllen des Beobachtungsbogens eine Besonderheit zu berücksichtigen. Diese Anfälle verlaufen, wie oben beschrieben, überwiegend zweiphasig, zuerst kommt es zu einer tonischen Versteifung, die anschließend in klonische Zuckungen übergeht. In dem Abschnitt des Beobachtungsbogens, wo tonische Versteifung und klonische Zuckungen dokumentiert werden, wird hier an beiden Stellen das 'Ja' angekreuzt. Die anschließende Auflistung, wo etwas stattgefunden hat, bezieht sich dann ausschließlich auf die klonischen Zuckungen.
Im Textfeld 'Weitere Bemerkungen' auf der zweiten Seite sind besondere Auffälligkeiten  zu beschreiben. Auf jeden Fall ist hier anzugeben, ob bei einem prolongierten Anfall die Bedarfsmedikation gegeben wurde.
Den Bogen legen Sie zeitnah bei der nächsten ärztlichen Visite vor.
Darüber hinaus vermerken Sie den Anfall in der Tagesdokumentation. Wenn das Tagesdokumentationsblatt für die kommende Woche in der Datenbank erstellt wird, ist darauf zu achten, dass das Datum des letzten Anfalls aktualisiert wird.
Außerdem tragen Sie den Anfall in den Anfallskalender ein. Bei einem Grand mal verwenden Sie zur Dokumentation einen Kreis O, bei einem kleinen Anfall ein Kreuz X. Die Anfallskalender werden chronologisch geführt, d. h., wenn über einen oder mehrere Monate hinweg kein Anfall aufgetreten ist, entfallen diese Monate im Anfallskalender. Treten zum Beispiel im Januar, Mai und August Anfälle auf, finden sich in den Monatsspalten auch nur diese Monate. Die Anfallskalender werden kontinuierlich, d. h. auch jahresübergreifend geführt.
Diese "GIB-Anfallskalender" werden den Mitarbeitern der Wohnbereiche von den zuständigen Sekretariaten zur Verfügung gestellt.
Hat ein Betreuter einen Anfall im Afb, so ist der Mitarbeiter der Wohngruppe, der diese Information erhält (z. B. durch Pendelheft bzw. den im Afb ausgefüllten Beobachtungsbogen) verantwortlich, diesen Anfall entsprechend den obigen Anweisungen zu dokumentieren. Bei Anfällen, die in der WfbM oder bei Besuchen bei Eltern oder Angehörigen, etc. auftreten, erfolgt im Tagesbericht ein kurzer Hinweis, da hier üblicherweise keine ausführliche Dokumentation vorliegt. Im Anfallskalender wird der Anfall mit einem "O" bzw. "X" (siehe oben) und einem "?"(wenn wir nur eine unspezifische Information z. B. von der WfbM oder den Eltern haben) dokumentiert.

Beachtenswertes

Warunsuchst DU mich nicht?
Deeskalationstraining
Webcam Neubau MZEB